Ein Dinosaurier, der nicht hier sein sollte
Als Paläontologen 2020 im Fachmagazin Cretaceous Research einen neuen Dinosaurier aus Marokko beschrieben, sorgte das in der Fachwelt für echtes Staunen. Nicht wegen seiner Größe – Ajnabia odysseus war mit etwa drei bis vier Metern Länge ein verhältnismäßig kleiner Dinosaurier. Sondern wegen seiner Identität: Er war ein Hadrosaurier – ein sogenannter Entenschnabel-Dinosaurier. Und Hadrosaurier hatten in Afrika schlicht nichts zu suchen.
Die Frage, die sein Fund aufwarf, war so verblüffend wie die Antwort: Wie kam dieser Dinosaurier über einen offenen Ozean nach Nordafrika? Die Wissenschaft hat eine Antwort gefunden – und sie klingt fast wie ein Abenteuerroman.
Was ist ein Hadrosaurier?
Hadrosaurier – volkstümlich „Entenschnabel-Dinosaurier“ genannt – waren eine der erfolgreichsten Dinosauriergruppen der späten Kreidezeit. Ihr namensgebender breiter, flacher Schnabel war ideal zum Abweiden von Vegetation. Viele Arten besahen auffallende Knochenkämme auf dem Schädel, die vermutlich zur Kommunikation und sexuellen Selektion dienten.
Die Gruppe entstand in Nordamerika und verbreitete sich von dort aus nach Eurasien. Sie bevölkerte Nordamerika, Europa und Asien in enormer Artenvielfalt – doch Südamerika und Afrika galten lange als hadrosaurierfreie Zonen. Afrika war im späten Mesozoikum eine Insel, vom Rest der Welt durch Meeresengen getrennt. Kein Landweg, keine Möglichkeit zur Migration – so dachte man.
Ajnabia: Der Fund, der alles änderte
Die Fossilien des Ajnabia wurden in der Ouëd Zem-Formation im zentralen Marokko entdeckt, in Schichten der späten Kreidezeit (Maastrichtium, ca. 66–72 Millionen Jahre alt). Das erhaltene Material umfasste Teile des Schädels, Wirbel und Gliedmaßenknochen – genug für eine sichere Bestimmung.
Die Beschreibung durch Nicholas Longrich und Kollegen an der Universität Bath war eindeutig: Ajnabia odysseus war ein Lambeosauriner – eine Untergruppe der Hadrosaurier, bekannt für ihre oft prächtigen Knochenkämme. Seine nächsten Verwandten lebten in Europa. Nicht in Afrika. Nicht in Südamerika. In Europa.
Das bedeutete: Ajnabia – oder seine Vorfahren – hatten irgendwann in der späten Kreidezeit den Atlantik überquert. Von Europa nach Afrika. Über offenes Wasser.
Die unmögliche Reise: Inselhüpfen über den Atlantik
Im späten Maastrichtium, vor etwa 66–72 Millionen Jahren, war die Geographie der Erde fundamental anders als heute. Der Atlantik existierte zwar bereits, war aber schmaler. Zwischen Europa und Afrika lagen nicht nur offenes Wasser, sondern auch eine Kette von Inseln und Untiefen – Ähnlich wie ein natürliches Trittsteinmuster.
Longrich und sein Team schlagen das sogenannte „Inselhüpfen“ (engl. island hopping) als Erklärungsmodell vor: Dinosaurier könnten auf Treibholz oder natürlichen Vegetationsflößen über kurze Strecken zwischen Inseln transportiert worden sein – passiv, durch Meeresströmungen, ohne aktive Navigation. Dieses Phänomen ist aus der modernen Zoologie bekannt: Iguane, Nagetiere und sogar Affen haben auf diese Weise Ozeanbarrieren überwunden.
Für Dinosaurier war so eine Reise extrem unwahrscheinlich – aber nicht unmöglich. Und die geologischen Belege für eine Inselkette zwischen spätkretazischem Europa und Afrika machen das Szenario wissenschaftlich plausibel.
Der Name: Ein Programm
Der Artname odysseus ist kein Zufall. Die Wissenschaftler benannten den Dinosaurier nach dem homerischen Helden Odysseus – dem großen Seefahrer der griechischen Mythologie, der jahrelang über das Mittelmeer irrte, bevor er heimkehrte. Eine Anspielung, die kaum passender sein könnte: Auch Ajnabia war ein Reisender, der über das Meer gelangte – und dabei die Grenzen des Zufälligen und des Möglichen neu definierte.
Der Gattungsname Ajnabia stammt aus dem Arabischen und bedeutet so viel wie „der Fremde“ oder „der Ausländer“ – ein Hinweis auf seine exotische Herkunft in einem Ökosystem, in dem er eigentlich nicht hinein gehörte.
Ajnabia im Kontext: Marokkos Kreidezeit-Ökosystem
Ajnabia lebte am Ende der Kreidezeit – in einer Zeit, die nur wenige Millionen Jahre vor dem großen Massenaussterben vor 66 Millionen Jahren lag. Marokko war damals kein Gebirgsland, sondern eine flache Küstenregion am Rand der Tethys-See – warm, vegetationsreich, von Flüssen durchzogen.
In diesem Lebensraum war Ajnabia einer der kleineren Bewohner. Neben ihm lebten in Marokkos spätkretazischer Fauna große Theropoden, frühe Säuger und eine Vielzahl von Meeresreptilien in den umliegenden Gewässern. Als Pflanzenfresser dürfte Ajnabia auf die reiche Vegetation der Küstenniederungen spezialisiert gewesen sein – sein breiter Schnabel ideal für das effiziente Abweiden von Bodenvegetation.
Was Ajnabia über die Dinosaurierwelt lehrt
Der Fund des Ajnabia hat mehrere wissenschaftliche Konsequenzen. Erstens zeigt er, dass Afrika am Ende der Kreidezeit nicht so isoliert war, wie lange angenommen – zumindest nicht für gelegentliche, zufällige Überquerungen. Zweitens belegt er, dass Hadrosaurier eine noch größere geographische Verbreitung hatten als bisher bekannt. Und drittens eröffnet er neue Fragen: Wie viele andere Tiergruppen haben auf ähnliche Weise Ozeane überwunden, ohne dass wir es bisher wissen?
Paläontologie ist keine abgeschlossene Wissenschaft. Jeder neue Fund kann die Karte der Urzeit neu zeichnen – so wie Ajnabia es getan hat.
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